Ich freue mich auf meine Beerdigung,
Marcel Dietler
Pfarrer aus Leidenschaft
Mit Ovomaltine kannst du es nicht besser, aber länger, lautet die Ovomaltine-Reklame am Fernsehen. Marcel Dietler ist mit der Ovomaltine aufgewachsen. Sein Vater war Vertreter der Ovomaltine-Firma Dr. Wander AG. Mit 82 Jahren schreibt der pensionierte Pfarrer sein erstes Buch, doch gepredigt hat er ein ganzes Leben lang. Die erste Trauung hielt er als Fünfjähriger, ökumenisch und ganz modern. Das Brautpaar bestand aus seinen beiden katholischen Spielkameradinnen. Die beiden Mädchen begleiteten ihn auch, wenn er die Trauerfeier für tote Vögel hielt. Im Alter von elf Jahren beschloss er dann plötzlich, Atheist zu sein. Er weigerte sich mit Erfolg, an seinem Wohnort Köniz den kirchlichen Unterricht zu besuchen, liess sich dann aber zusammen mit einem Kameraden ins Berner Münster in den Unterricht mitnehmen. Walter Lüthi, der damalige Münsterpfarrer, begeisterte ihn. Dank ihm beschloss er recht bald, das zu werden, was er schon als Fünfjähriger gewesen war: Pfarrer. Er studierte in Bern und Basel Theologie, in Basel bei dem berühmten Theologen Karl Barth.
Marcel Dietler wurde ein Abenteurer Gottes. Jahrelang betätigte er sich als Bibelschmuggler und schleuste Bibeln in die Sowjetunion. Seine erste Pfarrstelle war die Schweizer Kirche London. Damals reisten junge Schweizerinnen und Schweizer zu Tausenden nach London, um Englisch zu lernen. Sie fühlten sich einsam und liessen sich gerne in die Swiss Church einladen, die zweihundert Jahre zuvor von Schweizer Söldnern gegründet worden war. Zur Zeit von Marcel Dietler war die Schweizer Kirche am Sonntagabend mit jungen Schweizerinnen und Schweizern gefüllt. Sie liessen sich vom Glauben und der Abenteuerlust des jungen Pfarrers anstecken. Einige von ihnen wurden ebenfalls Bibelschmuggler.
Unter den Gottesdienstbesucherinnen befand sich eine gewisse Verena Bürgin, die im Gegensatz zu anderen jungen Damen ausser dem Wort Gottes nichts von dem ledigen Pfarrer erwartete. Das reizte den Mann Gottes so sehr, dass er sich in die eher abweisende junge Dame verliebte und nicht aufgab, bis sie einwilligte, das Leben mit ihm zu teilen.
In England wurde man damals durch Geburt englischer Staatsbürger. Die Söhne Thomas und Peter haben dadurch doppelte Staatsbürgerschaft; sie sind Schweizer und Engländer.
Die Abenteuer Gottes gingen weiter. Marcel Dietler zog es immer wieder in ferne Länder, manchmal allein, manchmal mit seiner Frau. Selbst während des nigerianischen Bürgerkrieges hielt er sich in einsamen Gegenden in Nigeria auf, aber auch bei den ehemaligen Kopfjägern auf der Insel Borneo. Zwei Monate war er Gastpfarrer in den USA in einer schwarzen Pfingstgemeinde mit mehreren tausend aktiven Mitgliedern. Er besuchte in den USA aber auch rasslich gemischte Gemeinden, in denen die weissen Mitglieder zusammen mit den schwarzen Mitgliedern afrikanische Lieder sangen und die schwarzen Mitglieder ihrerseits bei Bachkonzerten mitsangen.
In späteren Jahren – damals bereits von der Schweiz aus – begann er eine Tätigkeit in Peru bei den Strassenkindern in Cusco, der ehemaligen Hauptstadt der Inkas in Peru in den südamerikanischen Anden. Dank der Strassenkinder wurde er auch in Gefängnisse eingeladen, um Gottesdienste zu feiern. Mit den Strassenkindern übte er Bibeldramen ein, was von den Gefangenen sehr geschätzt wurde. Oft befanden sich an die tausend Menschen in einem Gottesdienst des Schweizer Pfarrers mit seinen Strassenkindern. Sowohl im Frauengefängnis als auch im Männergefängnis brachen Menschen, die schwere Verbrechen begangen hatten, in Tränen aus und waren bereit, ein neues Leben anzufangen.
Bereits in England hatte sich Marcel Dietler der charismatischen Erneuerung angeschlossen. Die Erneuerungsbewegung war einer der Gründe für die Rückkehr in die Schweiz, zuerst nach Nidau bei Biel, später nach Bern als Pfarrer an der Johanneskirche. Marcel Dietler wurde Mitglied des weltweiten ökumenischen Arbeitskreises der Erneuerung und Vorsitzender der europäischen Unterabteilung. Der Synodalrat der evangelisch-reformierten Kirche Bern/Jura/Solothurn unterstützte diese Tätigkeit, der Schweizerische Evangelische Kirchenbund nahm seine Pfarrerseminare in die offizielle Pfarrerweiterbildung auf.
Seit 2016 reist Marcel Dietler nicht mehr zu seinen Strassenkindern in Peru, unterstützt sie jedoch weiterhin finanziell mit seinen poetischen Konfitüren. Er stellt ungewohnte Mischungen von Konfitüren her und versieht die Töpfchen mit Bildern und Geschichten.
Das Apostolicum als Grundlage meines Glaubensbekenntnisses
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus, den eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige, allgemeine (katholische) Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten, und das ewige Leben.
Mein eigenes Glaubensbekenntnis
Ich glaube an die Urkraft des Seins, den menschenfreundlichen Gott, der sich als dreifaltige Liebesgemeinschaft offenbart. Als Schöpfer hat er in das Chaos des Nichts eingegriffen und ein Universum und eine Welt geschaffen, deren Ziel die göttliche Liebe ist. Gott hat sich dem Volk Israel offenbart und will von diesem Volk aus von allen Völkern als liebender Vater und liebende Mutter erkannt werden.
Ich glaube an die zweite Person der göttlichen Liebesgemeinschaft, an Jesus Christus, den Mensch gewordenen Gott, der in sichtbarer, greifbarer und verletzbarer Gestalt in das Chaos des Nichts eingetreten ist. Am Kreuz hat das Chaos den Schöpfer verschlungen. Doch an diesem vermeintlichen Sieg der Chaosmächte hat sich das Nichts selber den Todesstoss versetzt. Christus ist auferstanden.
Ich glaube an die dritte Person der göttlichen Liebesgemeinschaft, den heiligen Geist, hebräisch die heilige Ruach, die weibliche Seite Gottes, die Gott erfahrbar werden lässt, sodass Gott bei den Menschen zur Realität wird und er sie zu seinen Mitarbeitern ausrüstet und sie mit Freude und Dankbarkeit erfüllt. Frui Deo, das Geniessen Gottes.
Ich glaube, dass ich nicht einfach hochentwickelter Staub bin, der wieder zu Staub wird, sondern Geist aus Gott, dem Staub eingehaucht. Im Menschen kann das Leben, das aus Gott stammt, Gott und sich selber erkennen. Ich komme von Gott und kehre auch wieder zu Gott zurück. Ich werde vor ihm Rechenschaft darüber ablegen, wie ich mein Leben in seinem göttlichen Plan eingesetzt habe.
Ich glaube an die Kirche. Als Sinnbild für Maria, die Mutter Jesu, trägt auch sie Christus unter ihrem Herzen und lässt ihn in unserer Zeit immer wieder neu auf die Welt kommen. Die Kirche ist der Leib Christi, der als Brot des Lebens in die christusbedürftige Welt verteilt wird.
Ich glaube, dass das Ende der Welt genau so wenig ihr Ende sein wird, wie der Tod das Ende des Menschen bedeutet. Die ganze Schöpfung sehnt sich danach, im Leben Gottes verwirklicht zu werden: Gott alles in allem, der drei-einige, all-einige Gott, die erweiterte göttliche Liebesgemeinschaft, ein neues Kapitel in der Schöpfungsgeschichte. Und so glaube ich, dass das Leiden der jetzigen Zeit nichts bedeutet im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll. Das Schönste kommt noch.
Von Nazareth ins Heute und Morgen
Die Geschichte von Jeschua Ben Joseph
Die Geschichte von Jeschua Ben Joseph
Ich widme mein Buch der Familie des ermordeten russischen Politikers, Kremlkritikers und Antikorruptionsaktivisten, Alexej Nawalny. Alexej Nawalny fand Kraft für das, was er tat, durch Jeschua ben Joseph, dessen Leben in Nazareth anfing, das aber bis ins Heute und Morgen weiterwirkt. Alexej Nawalny ist eine seiner Wirkungen heute. Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sind vielleicht eine weitere Wirkung von heute und morgen oder könnten es werden.

Bildquelle: By Mitya Aleshkovskiy, CC BY-SA 2.0
Weitere Bücher von mir:
Meine Psalmenstrickereien
Ich habe einige Psalmen an die heutige Situation und Sprache angepasst.
Inhaltsverzeichnis der Psalmen:
- Psalm 14 und 53 – Kopf hoch
- Psalm 23 – Der letzte Gang
- Psalm 28 – Licht, das durch die Wolke des Schweigens bricht
- Psalm 32 – Wohl dem Manne
- Psalm 35 – Black Lives Matter
- Psalm 45 – Christus und seine Braut
- Psalm 47 – Der Waffen-Wegwerf-Berg
- Psalm 48 – Werdet diese Stadt
- Psalm 56 – Du sammelst meine Tränen in einen Krug
- Psalm 59 – Gebet einer Politikerin
- Psalm 68 – Das Unmögliche durchschreiten
- Psalm 74 – Leben, Sterben und Auferstehen der Sache Gottes
- Psalm 75 – Der göttliche Zeitplan
- Psalm 76 – Liebe und Zorn
- Psalm 77 – Warum kann ich dich nicht einfach vergessen?
- Psalm 78 – Der Ausstieg aus dem Hamsterrad
- Psalm 79 – Gottes Zorn – was ist das?
- Psalm 80 – Stelle uns wieder her
Kopf hoch
Psalm 14 und 53
Alle sind sie entartet
und miteinander verdorben.
Was für uneinsichtige Narren sind sie.
Sie tun, als ob es Gott nicht gäbe,
der alles sieht.
Keiner ist, der Gutes tut,
auch nicht einer.
Sie essen Gottes Brot
und rufen ihn nicht an.
Na ja, jeder hat seine trübseligen Tage
und meint,
er sei der einzige,
der nach Gottes Willen lebt.
Das war schon bei Elia so,
und jetzt hat es mich erwischt.
Aber im Argen liegt die Welt tatsächlich
Und wieder erhebt der Antisemitismus sein Haupt.
Mir wird bang um Israel.
Aber nicht nur um Israel.
Viele schreiende Politiker,
vor allem einer Politikerin,
erinnern mich an das Hitlergebrüll
Ist es wieder so weit?
Doch damals war das nicht das Ende
des Eingreifen Gottes.
Ein gewaltiger Schrecken
fiel auf die Kriegstreiber.
Gott zerstreute die Gebeine
der Ruchlosen.
Sie wurden zuschanden;
denn Gott hatte sie verworfen.
O dass von Zion die Hilfe
für Israel käme!
Wenn Gott wendet
seines Volkes Geschick,
wird Jakob frohlocken.
Israel und die ganze Welt
wird fröhlich sein
Darum Kopf hoch!
Anmerkung
Psalm 14 und Psalm 53 haben denselben Inhalt und Wortlaut mit dem einen Unterschied, dass Gott verschieden vorkommt, im einen Psalm als Elohim, im andern andeutungsweise mit dem für Juden nicht auszusprechenden Namen Jahwe. Es haben verschiedene Schulen an den Psalmen geschrieben, u.a. die Schule der Jahwisten und die Schule der Elohisten.
Der letzte Gang
Psalm 23
Gebet eines zum Tode Verurteilten in den USA, dem nach 30 Jahren Aufenthalt im Todestrakt die Todesspritze verabreicht wird. Er betet dieses Gebet zusammen mit seinem Seelsorger, der ihm die Hand auf die Stirn legt.
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Sohn Gottes, guter Hirte,
erbarme dich meiner.
Ich bin das Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird.
Mir wird nichts mangeln,
denn du bist ja bei mir.
Du weidest mich auf einer grünen Aue.
Der Tod ist für mich die grüne Aue,
auf die du mich führen wirst.
Du führest mich zum frischen Wasser.
Dreissig Jahre lang hast du mich mit frischem Wasser erquickt
mit deiner Vergebung, mit deiner Liebe, deiner Gegenwart.
Du erquickest meine Seele.
Mein Sohn, der hebräische Urtext will sagen:
Du stellst meine Persönlichkeit wieder her.
Danke, Reverend, für den Hinweis auf den Urtext.
Deine Hand auf meiner Stirn tut mir wohl.
Ich spüre dahinter die Hand Christi.
Du führest mich auf rechter Strasse um deines Namens willen.
Ich war das Schaf, das sich in die Felsen verirrt hatte,
in die Felsen von Mord und Totschlag.
Aber du hast mich gefunden.
Und ob ich schon wanderte
im finstern Tal des Todes,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist ja bei mir.
Dein Stecken und Stab trösten mich.
Guter Hirte,
wer ausser dir könnte mich auf diesem Weg begleiten?!
Mit deinem Stecken vertreibst du die Angst und die Verzweiflung,
die wie Raubtiere über mich herfallen.
Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Reverend, wir haben noch miteinander
Abendmahl gefeiert.
Ich bin unterwegs
zum grossen Abendmahl.
Dein Mordopfer wird auch dabei sein
als Freund und Bruder.
Ja, Reverend, ich freue mich auf ihn.
Du salbest mein Haupt mit Öl,
mein Becher fliesst über.
Er fliesst aus der Ewigkeit über zu allen,
denen ich Schmerz bereitet habe,
auch zu denen, die auf den Knopf drücken,
dass Gift in meine Venen fliesst.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen
mein Leben lang,
und ich werde bleiben
im Hause des Herrn immerdar.
Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.
Danke, Reverend, Gott segne dich.
Hintergrund
Wie komme ich dazu, Psalm 23 mit dem Gang zu einer Hinrichtung zu verstricken?
Am 30. September 2026 war in den USA Christa Pike zur Hinrichtung geführt worden. Es ging ein Erschrecken durch die ganze Welt. Die Verurteilte überlebte die zwei Todesspritzen. Sie wurde ins Krankenhaus überführt und erwachte wieder.
Christa Pike war im Todestrakt Buddhistin geworden. Begleitet von ihrem Seelsorger, Reverend Mikey Noechel, betete sie vor dem Einlauf des Gifts das Metta, das buddhistische Gebet zur liebenden Güte:
Mögen alle Wesen friedvoll sein
Mögen alle Wesen glücklich sein
Mögen alle Wesen sicher sein
Mögen alle Wesen frei sein
Licht, das durch die Wolke des Schweigens bricht
Psalm 28 nachgedichtet
Marcel Dietler
Gott, wenn du schweigst,
fühle ich mich lebendig tot.
Selbst wenn ich schreie,
geht mein Gebet ins Leere.
Herr, wo bist du in den Gräueln dieser Welt?
Hörst du nicht das Schreien der Unterdrückten
und meine eigene Not?
Gib endlich den Gewalttätern nach ihrem Tun.
Nach dem Werk ihrer Hände gib ihnen,
vergilt ihnen, wie sie es verdient.
Denn sie achten nicht auf deine Taten,
noch auf das Werk deiner Hände.
Es wird nicht bleiben, wie es ist.
Du wirst sie zerstören,
dass sie nicht wieder aufbauen können.
Licht, das durch die Wolke des Schweigens bricht.
Gelobet sei der Herr,
denn er hat mein Schreien gehört und erhört.
Der Herr ist meine Stärke und mein Schild.
Mein Gebet ist nicht ins Leere gegangen.
Es hat sich gelohnt, dass ich auf ihn vertraute.
Mein Herz frohlockt.
Ich kann nicht anders,
ich muss einfach singen.
Es gibt eine Hoffnung für sein erstes Volk Israel
und eine Wehr für die sich an Christus den Gesalbten halten.
Hilf denen, die dich kennen
und denen, die dich nicht kennen.
Weide sie und uns immerdar.
Psalm 32
eine Nachdichtung
Marcel Dietler
Wohl dem Manne, der für seine kranke Seele Heilung erfahren hat.
Wohl der Frau, die erkannt hat, was ihre tiefsten Bedürfnisse sind
und wonach sie sich schon immer gesehnt hat.
Wohl allen, denen Gott ihren Hunger und Durst offenbart
und ihre Bedürftigkeit aufgedeckt hat
und die ehrlich mit sich selber geworden sind
Da ich`s verdrängte
zerfiel mein Gebein ob meines unablässigen Stöhnens
Nachts floh mich der Schlaf
Am Tag war ich schlaff
Vertrocknet war mein Lebenssaft
wie durch Gluten des Sommers
Da versuchte ich es mit Gott
Ich suchte
Und fand ihn in der Tiefe meines Innern
Ich erkannte, dass mein Problem war:
Nicht zu wissen, wer ich bin:
Tochter des Höchsten
Sohn Gottes – Prinz
ein Stein zu legen
in das Geheimnis seines Mosaiks
Darum gehe jeder und jede auf die Entdeckungsreise des Gebets
Gerade auch dann, wenn die Wasser euch zu verschlingen drohen
Sie rauschen mit göttlicher Stimme:
Ich will dich unterweisen
und dir zeigen
den Weg den du wandeln sollst
Sei nicht wie das Ross und das Maultier
Mit Zaum und Zügel muss man bändigen ihr Ungestüm
Wer die verborgene Kraft und Liebe in sich nicht entdeckt
hat viel Plage
Wer aber auf Gott in allem vertraut
bei dem wird es Licht
Freut euch Gottes und frohlocket
Jauchzet alle
die ihr aufrichtigen Herzens seid
Black Lives Matter
inspiriert von Psalm 35
Ich habe mir vorgenommen, sämtliche 150 Gebete des biblischen Psalmenbuches nicht einfach zu lesen, sondern selber durchzubeten. Viele dieser Psalmen sind in einem christlichen Gebetsleben ein Fremdkörper, vor allem die Kampf- und Rachepsalmen. Als Christen versuchen wir, Hassgedanken von unseren Gebeten fern zu halten. Doch wenn das Leben der Christen ein dauerndes Gespräch mit Gott ist, dann sind doch selbst unsere Hass- und Wutgedanken Gebete. Ich beschäftigte mich gerade mit Psalm 35, als im Juli 2026 von einem Tag auf den andern über 60`000 Flüchtlinge die von Marokko und dem Mittelmeer umschlossene spanische Exklave Ceuta überschwemmten. Das Überschwemmen ist buchstäblich zu verstehen. Die Flüchtenden erreichten die Halbinsel schwimmend. Ceuta hat nur 80`000 Einwohner. 80`000 Einwohner und 60`000 verzweifelte, ausgehungerte, zu allem bereite Flüchtende, das war in Ceuta ein Schock und eine Bedrohung. Ganz Europa war aufgeschreckt.
Dass diese sechzigtausend, offenbar organisiert aufgetauchten, Flüchtlinge von Ceuta weggeschafft werden mussten, war allen klar. Dass bei dem lebensgefährlichen Schwimmen der Flüchtenden siebzig Menschen ertranken, das schien für Europäerinnen und Europäer allerdings nur ein nebensächliches Detail zu sein. Der Buckelwal Timmy, der Wochen zuvor an der Ostseeküste mehrmals gestrandet und trotz Rettungsversuchen gestorben war, das war viel wichtiger gewesen. Da konnten wir doch wegen siebzig ertrunkenen Flüchtlingen nicht schon wieder unsere Emotionen belasten. Hauptsache, dass die Sechzigtausend wieder weg waren.
Siebzig junge Menschen haben ihr Leben verloren – und wir sind traurig wegen Timmy, und erleichtert über die sechzigtausend erfolgreich Weggewiesenen! Da muss man doch entsetzt sein!!
Auf einmal merke ich, dass Psalm 35 durchaus meinen Gefühlen entspricht. Ich versetze mich in einen jungen Flüchtling, der den sozialen Medien und den Schleusern geglaubt hat, dass man via Spanien in das rettende Europa gelangen kann. Zusammen mit seinem Freund hat er sich mit tausenden von andern in die Fluten gestürzt und ist voller Hoffnung aufgebrochen. Sein Freund ist vor seinen Augen ertrunken. Er selber ist zurück in Marokko, das ja auch nicht seine Heimat ist. Ich lasse ihn auf seine Weise Psalm 35 zu Gott schreien.
Psalm 35
Gott, wirf sie in dieselben Fluten, in denen mein Freund ums Leben
gekommen ist!
Ersäufe alle, vor denen wir aus der Heimat geflohen sind.
Oder lass sie vorher in der Sahara verdursten,
in der mein Freund und ich knapp überlebt haben.
Lass die Verbrecher in demselben Meer ersaufen,
in das sie uns in den Sozialen Medien von Marokko fälschlicherweise
weg gelockt haben.
Das letzte Geld haben die Schleuser uns abgenommen.
Lass sie mitsamt den Geldscheinen auf den Grunde des Meeres versinken.
Und die Leute in der spanischen Exklave, die ihre Läden vor uns
verschlossen haben.
Haben sie kein Herz?
Der Engel des Herrn möge ihre Verkaufsstände umstürzen,
wie er schon einmal getan hat.
Und dann erst recht die Menschen in Europa,
denen jeder Buckelwal wichtiger ist als unser junges blühendes Leben,
die ihren Fifis Biscuits und den Kuschelmizzis Whiskas kaufen,
und die sich gerne an den Meeresstränden sonnen.
Gib ihnen in überreichem Mass die Sonne, die sie sich gewünscht haben.
Lass sie schwitzen.
Mögen sie sich nachts schlaflos in ihren Betten wälzen.
Ihre Wälder sollen brennen und ihre schönen Berge zerbröckeln.
Herr, errette mich endlich.
Du siehst alles, du kennst alles.
Schweige nicht.
Herr, sei nicht ferne von mir.
Ich will doch noch erleben, dass Gott endlich Gott ist.
Ich will dir eines Tages noch danken können in grosser Gemeinde.
Unter vielem Volk will ich dich preisen.
Lass jauchzen und sich freuen, die mir wünschen,
dass ich zu meinem Recht komme.
Christus und seine Braut
Psalm 45
Altarbild in der Heilig-Geist-Kirche Braunschweig. Im Neuen Testament ist im Reiche Gottes Christus der Bräutigam, der seine Braut Ecclesia (die Kirche) zur Hochzeit holt.
Psalm 45 ist ein Lied zur Hochzeit des Königs, möglicherweise zur Hochzeit von König Salomo. Er wird als strahlender Krieger und gerechter Richter geschildert. In der prophetischen Kraft des Inhalts sehen Christen in dem König Christus und in der Braut die Kirche.
Bei meinem Beten des Psalms habe ich Worte aus dem Hohen Lied eingestrickt, in Schrägdruck angezeigt.
Mein Herz wallt auf.
Singen will ich von meiner Liebe:
Geliebter, du bist mein König.
Du bist der Schönste unter den Menschen
Anmut ist ausgegossen über deine Lippen
Komm und küsse mich.
Deine Liebe berauscht mich
mehr noch als Wein.
Du sprichst Worte der Gerechtigkeit.
Völker machst du dir untertan.
Gürte dein Schwert zwischen den Hüften.
Ich habe für dich
alles zurückgelassen.
Meine Mutter hat geweint,
aber gesagt:
„Tochter, vergiss dein Volk
und das Haus deines Vaters.
Und verlangt der König
nach deiner Schönheit –
er ist ja dein Herr –
so neige dich ihm zu.“
Doch wer bin ich eigentlich,
ich Ecclesia?
Schwarzgebrannt hat mich das Leben,
zweitausend Jahre Geschichte,
Intrigen, Kriege und Gewalt
haben mich schwarz gemacht wie ein Beduinenzelt.
Trotzdem bin ich schön, ihr Mädchen
aus der Stadt Jerusalem!
Seht nicht so auf mich, Ecclesia, herunter,
weil ich dunkler bin als ihr.
Draussen musste ich alle Tage
meiner Brüder Weinberge hüten.
Doch für meinen eigenen Weinberg
– für mich selber – konnte ich nicht sorgen.
Dafür blieb keine Zeit.
Singen will auch ich, dein König und Bräutigam,
singen von meiner göttlichen Liebe zu meiner Ecclesia:
Verzaubert hast du mich, Geliebte, meine Braut!
Ein Blick aus deinen Augen,
und ich bin wie gebannt.
Wie glücklich du mich machst
mit deiner Zärtlichkeit.
Wie Honig ist dein Mund,
Geliebte, wenn du mich küsst.
Und unter deiner Zunge
ist süsse Honigmilch.
Lauter Pracht bist du
Korallen und Edelgestein und Gold
ist dein Gewand.
Im Brautkleid wirst du zu mir geführt.
An deiner Eltern Statt
treten einst deine Söhne und Töchter.
Du wirst sie zu Fürsten setzen im ganzen Lande.
Ich will deinen Namen kund machen
unter allen Geschlechtern.
Darum werden die Völker
dich preisen immer und ewig.
Nun lass auch mich wieder singen, Geliebter:
Dein Thron, o Göttlicher,
bleibt immer und ewig,
Das Szepter deiner Herrschaft
ist ein Szepter des Rechts.
Darum hat dich der Herr,
dein Gott, gesalbt
mit Freudenöl vor deinen Genossen.
Dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Der Waffen-Wegwerf-Berg
Psalm 47
Ihr Völker klatscht in die Hände alle.
Singt und jubelt mit lautem Schalle.
Kommt, bestaunt den hohen Waffen-Wegwerf-Berg
aus Bomben, Drohnen, Panzer, Helm und Schwert.
Mit dem Todesarsenal ist Schluss aus.
Alle Völker sind vereint zum heiligem Applaus.
Empor steigt Gott im Sieg der Liebe mit Posaunenschall
Lobpreist ihn über Berge, Meer und Tal.
Der grosse König lädt zum Liebesmahl uns ein
ob schwarz, ob weiss, ob gross, ob klein,
ob Mann, ob Frau, ob hetero oder queer
Die Einladung gilt auch dir und mir.
Dein Reich komme; und ist jetzt da.
Halleluja
Werdet diese Stadt
Psalm 48
Gross ist und hoch zu preisen
die Stadt unseres Gottes.
Kirche, sei diese Stadt!
Werde diese Stadt!
Sein heiliger Berg, schön ragend,
ist die Wonne der Welt.
Der Berg Zion hoch im Norden
ist eines grossen Königs Stadt.
Gott hat in ihren Palästen
als Hort sich kundgetan.
Denn siehe, Könige taten sich zusammen
zogen heran insgesamt.
Sie sahen es und starrten und erschraken,
flohen davon.
Wie wir es gehört,
so haben wir es gesehen
in der Stadt des Herrn
der Heerscharen
in der Stadt unseres Gottes.
Gott lässt sie bestehen
auf immer und ewig
Wir bedenken, o Gott, deine Gnade
inmitten deines Tempels.
Wie dein Name, o Gott, so geht dein
Ruhm bis ans Ende der Erde.
Deine Rechte ist voller Gerechtigkeit.
Es jubeln die Menschen.
Sie umkreisen Gottes Stadt,
seine Gerechtigkeit und Liebe
Gemeinde, mache dich auf
und werde diese Stadt
Du sammelst meine Tränen in einen Krug
Gebet für meinen Freund Beat
Psalm 56
Eine glückliche Kindheit?
Mit Gottes Hilfe ja.
Hin und her geschoben zwischen Vater und Mutter,
die getrennt lebten,
und denen ich im Wege war.
Als ganz kleines Kind verbrüht mit kochendem Wasser,
aber du wolltest, dass ich lebe.
Du sammelst meine Tränen
in einen Krug.
Gläubige Menschen wurden mir
Väter, Mütter, Brüder und Schwestern.
Bei ihnen erlebte ich
Annahme und Ablehnung
Ablehnung als ich mich
als schwul outete,
Sie stiessen mich aus der Leitung aus.
Christus, du sammelst meine Tränen
in einen Krug
und verwandelst sie
in den Wein der Freude.
Gottesdienst ist öffentlich.
Ich blieb,
mochten sie noch so schnauben.
Gewählt wurde ich
in die Stadtregierung.
Schwul und Christ,
das war nun stadtbekannt
Und langsam, ganz langsam wandeln sich
die Brüder und Schwestern meiner Gemeinde.
Die Feinde sind wieder Freunde geworden.
Weil Gott für mich ist,
bin ich nie bitter geworden.
Gott will ich preisen ob seines Wortes.
Auf Gott vertraue ich,
fürchte mich nicht.
Was könnten Menschen mir antun?
Ich schulde dir, Gott, Gelübde;
Dankopfer will ich dir bringen.
Denn du hast mein Leben
vom Tode errettet,
ja, meine Füsse vom Sturze,
dass ich vor Gott wandle
im Licht des Lebens.
Gebet einer Politikerin
Psalm 59
Errette mich vor meinen Feinden
vor Männern und Frauen.
Errette mich vor denen,
die mich bereits am Morgen in aller Frühe
aus dem Bett schrecken
mit anonymen Telefonanrufen:
„du Schlampe, du Flüchtlingshure!
Du würdest dich gescheiter für die eigenen Leute einsetzen
als für dieses Flüchtlingpack!“
Beschütze mich vor den Blutmenschen,
die mir mit meiner Ermordung drohen,
wenn ich mich als Präsidentin der Gemeinde
wählen lasse.
Sie verleumden mich für Dinge,
die ich nie getan habe.
Ob ich schon unschuldig bin,
laufen sie heran und rüsten sich.
Wach auf, Gott, komm mir entgegen,
und siehe darein!
Bist du doch, o Herr der Heerscharen,
der Gott Israels.
Umgib mich mit Menschen,
die nicht auf diese Frevler hören.
Ich aber will deine Macht besingen
und jeden Morgen jubeln
ob deiner Güte;
denn du bist meine Burg geworden
und meine Zuflucht
zur Zeit meiner Not.
Meine Stärke, auf dich will ich achten;
du Gott, meine Burg.
Das Unmögliche durchschreiten
Psalm 68
Nicht untergehen in den Ängsten – hoffnungsvoll jauchzen.
Kein falscher Optimismus – aber hoffnungsvoll jauchzen.
nicht verdrängen – hinschauen, aber hoffnungsvoll jauchzen.
Unsere Kinder werden keine Gletscher mehr sehen.
Weinen, ja weinen, aber hoffnungsvoll jauchzen.
Flüchtlinge, die im Meer ertrinken, Krieg in Europa.
Aufschreien, ja aufschreien, aber hoffnungsvoll jauchzen.
Amerika, dein Freund und Helfer – das war einmal.
Schimpfen, ja schimpfen, aber hoffnungsvoll jauchzen.
Rassismus, Antisemitismus, Terrorismus.
Ablehnen, ja ablehnen, aber hoffnungsvoll jauchzen.
Gott jauchzen – das Unmögliche wagen.
Gott jauchzen – und wie Abraham in das Unbekannte hinausschreiten.
Gott jauchzen – und wie Israel das Sklavenhaus, die ägyptischen
Fleisch- und Geldtöpfe, verlassen.
Gott jauchzen – durch die Wüste schreiten, und in der Dürre Wasser
finden
und Manna essen, das niemand kannte.
Der Sinai sah es und erzitterte,
die Erde bebte.
Ihr Länder der Erde,
singet Gott,
spielet dem Herrn!
Ihm, der daherfährt
im höchsten Himmel, dem ewigen!
Wenn er sich erhebt,
zerstieben seine Feinde.
Wie in der Luft der Rauch verschwindt,
wie Wachs in heisser Glut zerrinnt,
vergehen alle, die Gerechtigkeit und Liebe hassen.
Siehe, Gott lässt seine Stimme erschallen,
eine mächtige Stimme.
Ihm wollen wir vertrauen,
seine Mitarbeiter sein.
Über allen Völkern waltet seine Hoheit und Macht, in den Wolken
über Regen und Sonnenschein.
Ein Vater der Waisen, ein Helfer der Witwen
und eine Stütze der Schwachen ist er.
Furchtbar, wenn er furchtbar sein muss,
ist der Gott Jesu Christi.
Der Gott Israels, unser aller Gott,
gibt Kraft und Stärke.
Gelobt sei Gott.
Hintergrund
Psalm 68 ist als Hugenottenmarseillaise bekannt geworden. Er diente den Hugenotten in der Verfolgungszeit als Trost- und Kampflied. Katholische Offiziere berichten, dass die verfolgenden mächtigen königlichen Truppen in Panik gerieten und flohen, wenn die Hugenotten aus den Bergen singend auf sie herabstürzten, weil der Gesang wie eine unaufhaltsame Macht auf sie wirkte. Ich bin als Student auf einer Wanderung in den Cevennen einem alten Bauern begegnet, der selber längst nicht mehr in die Kirche ging. Als er hörte, dass ich reformierter Theologiestudent sei, sagte er: „Je ne vais jamais au Temple, mais quand on ferme le Temple, je prendrai toute de suite le fusil et je chanterai ce psaume!“
Leben, Sterben und Auferstehen der Sache Gottes
Psalm 74
Gott, hast du uns verstossen?
Die Babylonier haben den Tempel verbrannt,
den Tempel Salomos
deine Wohnung,
den Tempel Salomos
deine Gegenwart.
Alles in Trümmern.
Ich euch verstossen?
Der Tempel ist auferstanden
in Hunderte von Synagogen.
Ohne Zerstörung des Tempels
keine Synagogen.
In jedem Dorf meine Gegenwart
und der neue Tempel – der herodianische Tempel,
der herrlichste Tempel aller Zeiten.
Gott, hast du uns verstossen?
Die Römer haben den herrlichsten Tempel
in Trümmer gelegt
und unser Volk in alle Welt zerstreut.
Unser Volk – deine Gegenwart,
sie ist erloschen.
Ich euch verstossen?
Meine Gegenwart erloschen?
Ich bin auferstanden in den Christus der Völker.
Das römische Reich, das den Tempel zerstört hat,
beugt sich vor Christus.
Meine Gegenwart nicht nur im jüdischen Volk,
Meine Gegenwart in Europa.
Gott, hast du uns Europäer verstossen?
Leer sind unsere Kirchen.
Nicht verbrannt und nicht in Trümmern,
aber sie sind Museen und Schulen.
Christen – schrumpfende Zahlen,
bedeutungslose Reste.
Die christliche Gemeinde – Deine Gegenwart,
sie ist erloschen.
Ich euch verstossen?
Meine Gegenwart erloschen?
Ich bin auferstanden in Afrika und Asien.
Vor hundert Jahren:
die Mehrheit der Christen weiss.
Heute die Mehrheit der Christen
braun, dunkel, mandeläugig.
Nennt ihr das erloschen?
Und selbst in Europa –
die Kirche wie Lazarus im Grab.
Aber ich rufe:
Lazarus, komm heraus.
Und wer Augen hat zu sehen,
der sehe.
Der europäische Lazarus verlässt das Grab,
zwar noch in Tücher gewickelt,
ist er an vieles gebunden.
Bindet ihn los.
Der göttliche Zeitplan
Psalm 75
Gott, wir rühmen deine Taten,
all die Wunder, die wir bereits erfahren haben.
Doch es bleiben viele Fragen offen:
auch Ungerechtigkeit und Leid hat uns getroffen.
Meinen Zeitplan kennt ihr, Kinder, nicht.
Die Antwort gibt mit Fug und Recht das Endgericht.
Schaut den Zukunfts-Kelch in meiner Hand,
gefüllt mit Würzewein bis an den Rand.
Seht zu, wie die Ungerechten aus ihm schlürfen.
Ihre Gewalttaten dürfen sie jetzt selber trinken.
Ich weiss, im Augenblick wankt die Erde
und schwankt.
Doch ich habe festgestellt ihre Säulen.
Mögen Stürme noch so heulen,
sie wird nicht zugrunde gehen,
sie bleibet stehn.
Dank sei dir, o Gott,
für dieses Wort.
Wir preisen dich.
Wir lieben dich.
Hintergrund
Asaph, auf den dieser Psalm zurückgeht, ist ein Sänger aus der Asaphschule. Der Gründer dieser Musikschule hiess Asaph. Er war ein Sänger Davids. Nachdem David die von den Philistern erbeutete und entführte Lade Gottes zurückgeholt hatte, ernannte er Asaph zum Chorleiter.
(1. Chron. 16)
Liebe und Zorn
Psalm 76
„Gott ist die Liebe“, singt ihr Christen
„Gott ist der Zorn“, singt mein Psalmdichter Asaph
und meint dasselbe:
Ich euer Gott,
bin, der ich bin:
die Liebe,
der Zorn,
die Gerechtigkeit,
die Verzeihung,
die Gnade.
Ich locke aus Zion,
Ich brülle aus Jerusalem.
Ich zerbreche Schild, Bogen, Schwert und Krieg.
Furchtbar bin ich in meiner Herrlichkeit.
Den Kriegshelden verlässt die Kraft,
Vor meinem Schelten versinken Reiter und Ross.
Wer kann bestehen vor mir,
vor der Gewalt meines Zorns?
Vom Himmel herab
verkündige ich Gericht.
Der Homo Oeconomicus wird es erfahren,
ob er fromm an mich glaubt oder gar nichts glaubt.
Ich komme mit Wucht über seine Banken und Fabriken.
Er wird erschrecken,
denn ich erhebe mich zum Gericht,
allen Gebeugten auf Erden zu helfen:
den Tieren und Pflanzen,
der ganzen Natur.
Die Menschenvölker werden mich preisen.
Tut Gelübde und werdet wie ich,
voll Liebe und Zorn!
Warum kann ich dich nicht einfach vergessen?
Psalm 77 von einem Christen in Gaza gebetet
Laut will ich schreien zu dir, Jahwe,
falls du überhaupt hören willst
oder kannst.
Dabei trage ich sogar deinen Namen
Ilyas, mein Gott ist Jahwe!
Die Rakete aus der Drohne traf die Ruine,
in der sich meine Frau und die drei Kinder befanden,
als ich auf der Suche nach etwas Essbaren unterwegs war,
das Hilfsorganisationen abgeworfen hatten.
Tot!
Aber wir sind doch nicht Hamas!
Wir sind Christen!
Waren Christen!
Meine Frau und meine Kinder!
Sie sind nicht mehr!
Und ich?
Seelisch tot!
Jeder Gedanke an Dich, Gott,
treibt mich in den Wahnsinn.
O dass ich nichts wüsste von dir!
Hör auf, mich zu quälen!
Willst du auf ewig verstossen?
Nimmermehr gnädig sein?
Hat deine Güte für immer ein Ende?
Hast du dein Erbarmen vergessen?
Bist du noch der Gott der Liebe?
Oder bist du blinder Zorn?
Das ist mein Schmerz,
dass so ganz anders geworden ist dein Walten.
Ihr Gedanken an Gottes Taten verschwindet!
Ich mag euch nicht hören!
Aber ich kann nicht anders.
Gott, ich gedenke deiner Wunder
von Uranfang an,
muss dauernd nachsinnen über all dein Tun.
Zu meinen Kindern
habe ich geredet von deinen mächtigen Taten.
O Gott, dein Weg ist heilig.
Unter Tränen schreie ich:
Wo ist ein Gott gross wie du?
Du allein bist Gott,
der du Wunder tust.
Du hast deine Macht
an den Völkern erwiesen.
Du hast dein Volk mit starkem Arm erlöst.
Die Wasser sahen dich.
Sie sahen dich und erbebten,
die Meerestiefen erzitterten.
Es gossen Wasser die Wolken,
es donnerte das Himmelsgewölk,
und deine Pfeile fuhren dahin.
Rollend ertönte dein Donner,
deine Blitze erhellten den Erdkreis,
die Erde bebte, erzitterte.
Dein Weg ging durchs Meer
und dein Pfad
durch gewaltige Wasser.
Tu das noch einmal, o Gott!
Aber du tust es ja nicht.
Warum kann ich dich nicht einfach vergessen?
Schluss aus?
Aber ich kann nicht,
dich vergessen,
weil du ja nicht vergissest
mich dauernd zu quälen.
Ich sehe keine göttlichen Spuren
in dem Gaza-Drama,
weder für Israel noch für uns Palästinenser.
Du führtest dein Volk wie eine Herde
durch Moses und Aarons Hand.
Das zu glauben, kannst du
weder von einem verzweifelten Vater
noch von meinem Volk verlangen.
Aber an den gekreuzigten und auferstandenen Christus
klammere ich mich.
Ich bette mich in seinen verzweifelten Schrei:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!"
Ich fühle mich mit ihm eins
wie nie zuvor in meinem Leben.
der Ausstieg aus dem Hamsterrad
Psalm 78
Kommt, ihr Hamsterrad-Menschen, die ihr vergessen habt,
wer ich bin.
Höret die alten Geschichten, damit sie
eure Geschichten werden
eure Geschichte neu.
Es gab einmal ein Volk im ägyptischen Depressionshamsterrad:
Arbeit, Essen, Arbeit, Essen.
Es dreht, dreht und dreht und dreht
Arbeit, Essen, Arbeit, Essen.
Pharao
Arbeit, Essen, Arbeit, Essen.
Ich sandte Plagen, ägyptische Plagen.
Pharao, lass mein Volk ziehen.
Kommt, ihr Hamsterrad-Menschen.
Hört auf zu drehen, brecht auf in die Ruhe und die Stille.
Ruhe und Stille?
Da sind wir ja mit unseren Gedanken allein.
Das macht Angst
Angst vor uns selber.
Unsere Seele ist zur Wüste geworden im Hamsterrad.
Unsere eigenen Gedanken sind
der Hunger und Durst der Wüste,
die Feinde, die uns verfolgen.
Wir müssen diese Gedanken
übertönen
überdrehen
Zurück ins Hamsterrad.
Nein, Wagt die Wüste und erlebt,
dass vom Himmel herab das Manna kommt
und den Durst das Wasser aus dem Felsen stillt.
Tagsüber ist die Wolke der Begleiter, nachts der Feuerschein.
Bist du das – Gott?
der Gott der Stille?
Doch schon kommen sie wieder
diese aufdringlichen Gedanken
wie Feinde, die bewaffnet sind.
Vor uns das Meer
weit und tief
geheimnisvoll
Zurück ins Hamsterrad.
Nichts da mit zurück ins Hamsterrad.
Was, ihr trotzt mir?
Na gut, dann erlebt das Hamsterrad bis zum Wahnsinn,
bis ihr wieder willig seid.
Und so dreht und dreht ihr.
Ihr werdet geschleudert hin und her.
Fallt übereinander her,
wälzt euch in Blut und Ungerechtigkeit.
Ihr nennt es meine Strafe, meine Rache.
Ihr könntet es besser wissen,
wenn ihr es wagen würdet,
durch das Meer hindurchzuziehen.
Glaube ist ein Wagnis,
das Meer ein Symbol für alles,
was der Entfaltung des Göttlichen in euch
im Wege steht.
Darum höret die alten Geschichten,
dass sie neu erlebbar werden.
Erwählet statt des Hamsterrads
das Kreuz des Davidsohns:
den Weg, die Wahrheit und das Leben.
Brecht auf!
Hindurch durchs Meer!
Gottes Zorn – was ist das?
Psalm 79
Herr,
weil du Gott bist, kannst das Böse in der Welt
nicht ignorieren.
Ob das Böse von uns oder von andern kommt,
deine Heiligkeit und Liebe wird
zu einem zerstörenden Feuer.
Haben wir dich erzürnt?
Sind wir schuldig oder unschuldig?
Oder beides zugleich?
Mein Herz ist schwer.
Gewalttäter sind in dein Erbe eingefallen,
haben deinen heiligen Tempel befleckt
und Jerusalem zu einem Steinhaufen gemacht.
Das war damals.
Aber heute wieder.
Sie haben die Leichen deiner Knechte
in Äthiopien, Eritrea, Sudan und Somalia
den Vögeln des Himmels zum Frasse gegeben,
das Fleisch von Frauen und Kindern
den Tieren des Feldes,
sie haben ihr Blut vergossen
wie Wasser
und niemand begrub sie.
Wir sind ergrimmt und ohnmächtig.
aber noch mehr ergrimmt als wir
bist du – du, der Heilige und Gerechte.
Schütte ihn aus, deinen Grimm über alle,
die das Böse tun.
Mach ein Ende dem Spott derer,
die grinsend rufen:
wo ist denn nun euer Gott?
Lass kundwerden an den Gewalttätern
– auch an den Bibel zitierenden Gewalttätern –
die Rache für ihre Lügen und das vergossene Blut.
Lass vor dich kommen
das Seufzen der Gefangenen
nach der Macht deines Armes.
Befreie, die dem Tode Gefreiten.
Die Grossmäuler in Ost und West, Nord und Süd
setze hinter Schloss und Riegel.
Es gibt viele Menschen, junge und alte,
in vielen Ländern, sogar in wachsenden Zahlen,
die zu deinem Volk gehören,
die Schafe deiner Weide.
Wir wollen dir ewig Dank sagen
und deinen Ruhm verkünden
von Geschlecht zu Geschlecht.
Psalm 80
Stelle uns wieder her
Warum bin ich heute morgen so niedergeschlagen?
Tiefer Blutdruck?
Zu hoher Zuckerspiegel?
Oder einfach schlecht geträumt?
Was für ein aussergewöhnlicher Gedanke taucht auf einmal auf?
Nein, das kann es nicht sein.
Oder doch?
Ja, ich habe jahrelang ohne Gott gelebt.
Aber ich habe ohne ihn doch ganz gut gelebt.
Was soll das?
Was fängt da an in mir an zu rufen?
Ist das etwa gar ein Gebet?
Ich will hören, was mein Herz ruft.
Herr der Heerscharen, stelle uns wieder her.
Lass leuchten dein Angesicht über uns,
so wird uns geholfen.
Warum denn UNS?
Ich bin ja derjenige,
der sich niedergeschlagen fühlt.
Uri, Schwyz und Unterwalden.
Jetzt taucht sogar die Schweizer Geschichte auf.
Bruder Klaus
Zwingli, Calvin
Henry Dunant
Dieses Erbe wäre eigentlich unsere Seele
Aber sind sie das noch?
Bin ich betrübt, weil alle Schweizer voller Angst und Schmerz sind?
Geht es mit uns Schweizern wirklich immer nur aufwärts?
Oder auch abwärts?
Da ist diese Niedergeschlagenheit,
aber auch diese Sehnsucht
die auf einmal in mir erwacht.
In mir
In uns
Wir brauchen Vertrauen
Gottvertrauen
Guter Gott,
Stelle uns wieder her!
Lass leuchten dein Angesicht über uns,
so wird uns geholfen.
Der historische Hintergrund von Psalm 89
Das Reich Davids ist nach dem Tod des Davidsohns Salomo auseinandergebrochen in zwei Reiche, im Norden das relativ grosse Israel, im Süden das kleinere Judäa, aber mit der Hauptstadt Jerusalem und dem Tempel. Der Psalmsänger aus dem Asaph-Tempelchor erlebt den Untergang des Nordreichs und ist voller Angst, dass dem Süden das gleiche Schicksal droht, wenn die Bewohner sich nicht erneut von Gott erfassen lassen. Immer wieder bittet er im Psalm:
Stelle uns wieder her.
Lass leuchten dein Angesicht über uns,
so wird uns geholfen.
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